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MDR

"Ein kulturelles Erbe, um das uns die halbe Welt beneidet"

Am Montag beginnt das Jubiläumsjahr zu 500 Jahren Reformation. Martin Luther ist als einer der führenden Köpfe ganz besonders wichtig. Er soll seine 95 Thesen an die Wittenberger Schlosskirche genagelt haben. Das war der Startschuss der Reformation. Sachsen-Anhalt gilt als Ursprungsland der Reformation. Hier gibt es Vorfreude, aber auch Kritik.

80 Prozent der Einwohner von Sachsen-Anhalt gehören keiner Religion an. Trotzdem wird das ganze Land ab jetzt ins Reformationsfieber versetzt. Kulturminister Rainer Robra sieht keinen Anlass zur Zurückhaltung. Er sagt: "Wittenberg ist, manche sagen das leicht übertreibend, der Vatikan des Protestantismus. Die Stadt ist also der Ort, von dem alles ausging, an den alles zurückkehrt, jedenfalls in diesem Jahr."

Für Sachsen-Anhalt rechnet Robra mit hunderttausenden, wenn nicht Millionen Gästen. Denn das Land lockt mit zahlreichen Lutherstätten – angefangen mit dem Geburtshaus in Eisleben. Robra findet es "wunderbar restauriert." Dann gebe es noch Mansfeld, den Ort, in dem Luther aufwuchs. In Wittenberg lehrte er an der kurz zuvor gegründeten Universität und starb in Eisleben. Dort erinnert heute das Sterbehaus an den Reformator. Sachsen-Anhalts Kulturminister sagt: Der Lebenskreis von Luther wird durch die Luther-Gedenkstätten in Sachsen-Anhalt repräsentiert. Dazu kommen noch die Melanchthon- und Cranach-Häuser in Wittenberg. Besucher könnten "das 16. Jahrhundert pur" erleben.

Sachsen-Anhalt hat sich den Ausbau und die Sanierung einiges kosten lassen und 80 Millionen Euro investiert. Insgesamt schätzt die Linke, dass 120 Millionen Euro öffentliche Gelder ins Reformationsjubiläum fließen. Das angebotene Programm sieht der linke Landtagsabgeordnete Wulf Gallert angesichts dessen kritisch.

Er bezeichnet es als "die Festspiele der Oberen, mit Empfängen und Spaziergängen der Königshäuser mit dem Ministerpräsidenten durch die Straßen Wittenbergs auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite ein bisschen Brot und Spiele fürs Volk: Lutherkeks, Legofiguren, Volksfeste. Aber eigentlich fehlt etwas dazwischen: die inhaltliche Auseinandersetzung mit Fragen von Toleranz." Denn die seien damals wie heute aktuell, die Fragen nach Menschenrechten und den Pflichten, die daraus entstünden. Für den Linken-Politiker kommt auch der kritische Blick auf Luther zu kurz. Er sagt: Luther hat bestimmt nicht für Toleranz gestanden. Er hat zu Recht die Intoleranz der Papst-Kirche kritisiert. Aber er war in seiner eigenen Position auch intolerant.

Beispielsweise sei er intolerant gegenüber Juden gewesen, aber auch gegenüber der sozialen Bewegung der Bauern, die sich nicht nur kirchlich-religiös befreien wollten, sondern auch sozial gegen die Oberen zur Wehr setzten.

Viel Geld für Sanierung von historischen Gebäuden

Ursprünglich waren für kulturelle und wissenschaftliche Begleitung rund 40 Millionen Euro vorgesehen. Tatsächlich floss das meiste Geld davon in Bauprojekte. Das verteidigt die Landesregierung. Die Bauwerke würden die Geschichte veranschaulichen. Auch die Evangelische Landeskirche Mitteldeutschland weist die Kritik zurück.

Landesbischöfin Ilse Junkermann verweist auf Ausstellungen, Kirchentage und Veranstaltungen. Immer gehe es um die großen Fragen, sagt sie: "Wie hat die reformatorische Bewegung im 16. Jahrhundert ganz Europa verändert? Welche Spuren finden wir heute noch und tragen sie im Grunde unserer Gesellschaft? Der Gedanke der Menschenwürde ist ohne die reformatorische neue Zuspitzung der Frage, was ist der Mensch, gar nicht denkbar." Als Beispiel nennt Bischöfin Junkermann das Sterbehaus in Eisleben, in dem es keineswegs um Luther-Verherrlichung gehe. Junkermann sagt: Es geht darum, was sind heute Werte für ein gutes Sterben, welche Sterbekultur haben wir. Das sind existenzielle Themen, die alle betreffen, ob sie nun Christen sind, zu einer Kirche gehören oder nicht.

Kulturminister Rainer Robra greift wieder zum Superlativ. Er sagt, die Reformation sei "ein ganz wichtiger Teil unseres Erbes von Sachsen-Anhalt, um das wir nun wirklich von der halben Welt beneidet werden." Die Hoffnung bestehe, dass im besten Fall das Reformationsjubiläum nicht nur die halbe Welt begeistere – sondern für die Sachsen-Anhalter auch etwas Identität schaffe.